Unterwegs

Moin moin, da ist schon wieder Samstag und Zeit für einen Tee, ein paar ruhige Minuten und die neue Weihnachtsgeschichte von Ann-Christin. Heute gehts ums Unterwegs sein. Die meisten von uns rennen ja durch die Vorweihnachtszeit von Termin zu Termin und vom Glühweinstand zur Weihnachtsfeier. Deshalb heißt es jetzt kurz durchatmen & innere Ruhe finden. Lies die Geschichte doch heute deinen Liebsten vor und macht es euch schön!

Unterwegs

Ob er zufrieden war? Keineswegs. Unzufrieden wäre in diesem Moment jedenfalls noch geprahlt gewesen. Ihm war kalt, er war müde und er hatte Hunger. Vor allem Hunger. Kein Wunder, die Reise war schließlich ziemlich strapaziös gewesen. Ständig hatten sie Pausen einlegen müssen, weil seine Frau… nun ja, schwangere Frauen mussten eben ständig wohin. Am liebsten hätte er es sich zu Hause gemütlich gemacht und das Jahr ganz geruhsam ausklingen lassen. Aber dann war dieser Brief gekommen. Und natürlich hatten sie sich dann auf den Weg machen müssen. Er hatte geflucht und geschimpft, als dann auch noch der Wagen gestreikt hatte. Aber was hatte es genutzt? Sie hatten umdisponieren müssen und waren eine halbe Ewigkeit unterwegs gewesen; schließlich waren sie nicht die einzigen auf den Straßen.

Er seufzte und starrte missgelaunt auf seine schmerzenden Füße, die sich über ein heißes Bad sicher sehr gefreut hätten. Mitten in der Nacht waren sie endlich angekommen, er hatte schon fast selbst nicht mehr daran geglaubt. Aber in diesem Kaff waren natürlich schon alle Bürgersteige hochgeklappt gewesen! Nicht einmal ein kleiner Imbiss war geöffnet, also hatten sie sich den letzten Rest Reiseproviant geteilt – nicht mehr besonders viel, aber immerhin besser als nichts. Er räusperte sich laut, um sein Magenknurren zu überspielen und verlagerte seine Sitzposition. Sie waren sogar so spät angekommen, dass die meisten Unterkünfte ebenfalls geschlossen hatten. Nun ja, sie hätten wahrscheinlich sowieso kein freies Zimmer mehr erwischt, zu dieser Zeit war der Ort rappelvoll und so gut wie alle Betten belegt. Warum nur, hatte er nicht daran gedacht etwas zu reservieren?

Er warf seiner Frau einen Blick zu. Sie schaute nur zurück und lächelte. Mit der einen Hand strich sie sanft über ihren großen, runden Bauch; mit der anderen tastete sie nach seinen Fingern und verschlang ihre in seinen. Er spürte ihre Körperwärme und musste unwillkürlich zurücklächeln. Er bewunderte ihre Zuversicht und Gelassenheit. Die ganze Reise über hatte sie sich kein einziges Mal beschwert und auch jetzt, wo sie sich im Hinterzimmer dieser Kaschemme eine kleine Schlafgelegenheit teilten, schien sie sich an nichts zu stören. Und dabei war sie hochschwanger! Er sollte sich ein Beispiel an ihr nehmen, dachte er und drückte den Rücken durch. Schließlich konnten sie dankbar sein, dass der Wirt ihnen überhaupt erlaubt hatte in seinem Hinterzimmer zu übernachten, ansonsten hätten sie wohl möglich noch unter freiem Himmel schlafen müssen. Schon etwas besänftigter legte er den Arm um seine Frau und strich ihr liebevoll über das Haar. Nur eine Nacht, dachte er sich. Nur eine Nacht und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Nur eine Nacht und dann …

Plötzlich spürte er etwas Warmes und Feuchtes an seinem Bein.

„Josef, Liebling…“, flüsterte seine Frau und drückte seine Hand. „Ich glaube das Kind kommt!“

Eine Weihnachtsgeschichte – geschrieben von Ann-Christin Schmitt-Rogalla

 

No Comments

Post a Comment